Der deutsche Soziologe Fritz Schütze entwickelte diese Methode in den 1970er Jahren ursprünglich für die biografische Forschung. Er erkannte, dass Menschen ihre Erfahrungen am authentischsten wiedergeben, wenn sie nicht durch einen Fragebogen eingeschränkt werden. Die Struktur der Erzählung selbst liefert dabei wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse.
Heute wendest du dieses Verfahren vor allem in der Soziologie, Psychologie und Erziehungswissenschaft an. Es eignet sich hervorragend, um subjektive Perspektiven, Identitätsentwicklungen und komplexe Lebenswege zu analysieren. Wir schauen uns nun an, wie diese Methode funktioniert und wie du sie konkret in deiner eigenen Forschung anwendest.
Inhaltsverzeichnis
Was ist ein narratives Interview?
Das narrative Interview ist eine offene, unstrukturierte Methode der qualitativen Sozialforschung. Du regst deinen Interviewpartner durch einen anfänglichen Impuls dazu an, seine persönliche Lebensgeschichte oder spezifische Erlebnisse frei und zusammenhängend zu erzählen.
Das Kernkonzept dieser Methode liegt in der ungestörten Erzählung deines Gegenübers. Du gibst die Kontrolle über die Gesprächsführung bewusst ab und überlässt dem Interviewpartner die Regie über die Themenauswahl und die Gewichtung seiner Erlebnisse.
Im Gegensatz zu strukturierten oder leitfadengestützten Interviews arbeitest du hier nicht mit einem Fragebogen. Bei strukturierten Formen testest du vorab festgelegte Hypothesen ab. Beim narrativen Interview möchtest du hingegen neue, unerwartete Aspekte entdecken, die nur durch eine freie Erzählweise ans Licht kommen.
Kurzer Hinweis
Vermeide es unbedingt, den Redefluss durch eigene Meinungen, Wertungen oder geschlossene Ja/Nein-Fragen zu unterbrechen. Jede Unterbrechung zerstört die natürliche Struktur der Erzählung.
Welche Phasen des narrativen Interviews gibt es?
Ein narratives Interview folgt einem Ablaufplan. Diese klare Struktur gibt dir als Forschendem Sicherheit und stellt sicher, dass sich die Erzählung deines Gegenübers optimal entfalten kann:
- Erklärungsphase
- Einstieg und Erzählaufforderung
- Erzählphase
- Nachfragephase
- Bilanzierung.
Obwohl du keinen klassischen Fragebogen nutzt, benötigst du im Vorfeld einen gut durchdachten Interviewleitfaden. In diesem Leitfaden formulierst du deine primäre Erzählaufforderung exakt aus und notierst dir thematische Stichpunkte für mögliche spätere Nachfragen.
Erklärungsphase
Jedes erfolgreiche Interview beginnt mit einer transparenten Aufklärung über den Ablauf. Du musst Vertrauen aufbauen und dem Interviewpartner das ungewohnte, offene Format erklären, damit er genau weiß, was von ihm erwartet wird.
Kläre zunächst alle wichtigen Formalitäten. Lass dir die Einverständniserklärung zum Datenschutz unterschreiben und teste dein Aufnahmegerät auf Funktionstüchtigkeit. Erkläre dann deutlich, dass du im ersten Teil des Gesprächs keine Fragen stellen wirst. Unten findest du ein Beispiel zur Veranschaulichung dieses Prozesses.
Beispiel: Begrüßung und Aufklärung im Forschungskontext
"Vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst. In diesem Interview geht es um deine Erfahrungen als Erstakademiker. Anders als bei normalen Interviews werde ich dir keine Fragenliste stellen. Ich bitte dich gleich, einfach frei zu erzählen. Alles, was dir wichtig erscheint, ist auch für meine Forschung wichtig. Bist du mit der Aufzeichnung einverstanden?"
Einstieg und Erzählaufforderung
Die Erzählaufforderung ist der wichtigste Satz deines gesamten Interviews. Du musst einen breiten, offenen Impuls formulieren, der eine echte Geschichte auslöst und nicht nur eine kurze, sachliche Antwort provoziert.
Formuliere deinen Impuls immer als Bitte um eine Geschichte. Vermeide "Warum"-Fragen, da diese oft zu Rechtfertigungen führen und den erzählerischen Fluss blockieren.
Ein guter Einstieg gibt das grobe Thema vor, lässt aber den Weg der Erzählung völlig offen. Im Folgenden siehst du, wie du eine solche Aufforderung konkret formulierst.
Beispiel: Biografische Erzählaufforderung zur Studienerfahrung
"Bitte erzähle mir die Geschichte deines Studienbeginns. Beginne am besten an dem Punkt, an dem du den Entschluss gefasst hast, an die Universität zu gehen, und erzähle mir alles, was du bis heute erlebt hast."
Erzählphase
Sobald dein Gegenüber zu sprechen beginnt, wechselst du sofort in die Rolle des passiven Zuhörers. Du greifst nicht ein, selbst wenn die Person scheinbar vom Thema abschweift, da auch diese Abschweifungen wichtige analytische Daten darstellen.
Du musst Stille aushalten können. Stockungen und Pausen sind oft Momente, in denen der Interviewpartner Erinnerungen ordnet oder nach den richtigen Worten sucht. Wenn du hier sofort nachhakst, zerstörst du den Erzählfluss. Aktives Zuhören signalisierst du stattdessen nonverbal.
Nachfragephase
Erst wenn die Haupterzählung von selbst endet, beginnst du mit der immanenten Nachfrage. Du nutzt diese Phase, um Unklarheiten zu beseitigen und tiefere Details zu bestimmten Aspekten der Geschichte zu erfahren.
Dabei folgst du einer folgenden Reihenfolge. Du stellst zuerst endogene Fragen, die sich ausschließlich auf bereits Gesagtes beziehen. Erst danach stellst du exogene Fragen zu Themen, die für deine Forschung wichtig sind, aber noch nicht erwähnt wurden:
Nutze für deine Fragen immer die exakten Worte deines Gegenübers, um den erzählerischen Rahmen aufrechtzuerhalten. Das folgende Beispiel demonstriert diese Technik.
Beispiel: Endogene Nachfrage zur Studienerfahrung
"Du hast vorhin kurz erwähnt, dass die erste Vorlesungswoche ein absoluter Schock für dich war. Kannst du mir diese Situation in der allerersten Vorlesung bitte noch etwas genauer erzählen?"
Bilanzierung
Den inhaltlichen Abschluss des Interviews bildet die Bilanzierungsphase. Du verlässt nun den narrativen Modus und bittest deinen Interviewpartner, das Erzählte analytisch zu reflektieren und zusammenzufassen.
Bedanke dich nach dieser Reflexion für die Offenheit und beende die Aufnahme deutlich sichtbar. Erkläre kurz die nächsten Schritte deiner Forschung und frage, ob die Person später das fertige Transkript oder die Ergebnisse erhalten möchte. Hier ist ein Beispiel für eine gelungene Überleitung in die Reflexion.
Beispiel: Bilanzierende Abschlussfrage zur Studienzeit
"Wenn du jetzt auf deine gesamte bisherige Studienzeit zurückblickst, was würdest du sagen, war die wichtigste Erkenntnis, die du aus dieser Zeit für dich persönlich mitgenommen hast?"
Das Transkribieren eines narrativen Interviews
Um die feinen Nuancen einer Erzählung wissenschaftlich auszuwerten, benötigst du eine exakte textliche Grundlage. Wähle ein Transkriptionssystem (wie beispielsweise TiQ oder GAT2), das zu deiner spezifischen Forschungsfrage passt. Diese Systeme geben dir genaue Regeln vor, wie du Pausen, Betonungen oder Überlappungen im Text markierst.
Dokumentiere Pausen mit spezifischen Markern wie "(.)" für kurze Atempausen oder "(3 Sek.)" für messbares Schweigen. Dialekte glättest du in der Regel zum Hochdeutschen, es sei denn, deine linguistische Auswertung erfordert explizit die Beibehaltung der Mundart.
Kurz & knackig
Nutze Transkriptionssoftware wie MAXQDA, f4transkript oder KI-gestützte Werkzeuge wie Whisper, um den ersten Rohentwurf zu erstellen. Verlasse dich aber nie blind auf automatische Transkripte. Du musst sie immer manuell gegenhören und korrigieren.
Auswertung eines narrativen Interviews
Die qualitative Datenanalyse sucht nach Mustern, Strukturen und subjektiven Bedeutungen, nicht nach statistischen Häufigkeiten. Du zerlegst den Text, um zu verstehen, wie der Interviewpartner seine Realität konstruiert.
Ein gängiges Verfahren für diese Methode ist die strukturelle inhaltliche Auswertung nach Schütze. Du analysierst dabei systematisch den Aufbau der Erzählung und abstrahierst die individuellen Erfahrungen zu allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Kurzer Hinweis
Ein häufiger Fehler von Studierenden ist es, den Text lediglich zusammenzufassen. Du musst interpretieren und analytisch auswerten, warum eine Geschichte genau auf diese Weise erzählt wurde und welche unbewussten Strukturen dahinterliegen.
Vor- und Nachteile eines narrativen Interviews
Jede Forschungsmethode hat ihre methodischen Grenzen. Du musst genau abwägen, ob der narrative Ansatz zu deinen zeitlichen Ressourcen und Forschungszielen passt:
- Hoher Detailgrad: du erhältst tiefgreifende, unverfälschte Einblicke in die subjektive Lebenswelt und die emotionalen Prozesse der Befragten.
- Entdeckung neuer Aspekte: durch die offene Form stoßen Forschende oft auf relevante Themen und Zusammenhänge, die sie bei der Fragebogenkonstruktion gar nicht bedacht hätten.
- Natürlicher Redefluss: die Methode reduziert den Druck einer Prüfungssituation, da Menschen von Natur aus gerne Geschichten erzählen und sich schnell wohlfühlen.
- Hoher Zeitaufwand: sowohl die Durchführung als auch die Transkription und die komplexe Auswertung dauern deutlich länger als bei strukturierten Formaten.
- Schwierige Vergleichbarkeit: da jeder Teilnehmer völlig andere inhaltliche Schwerpunkte setzt, lassen sich die Ergebnisse schwerer standardisieren und miteinander vergleichen.
- Gefahr des Abschweifens: die Interviewpartner können sich in irrelevanten Details verlieren, was die Auswertung erschwert und extrem lange Transkripte erzeugt.
Diese Methode eignet sich perfekt für explorative Forschungsfragen, bei denen du tiefgreifende Prozesse, Identitätsbildungen oder komplexe biografische Übergänge verstehen möchtest.
Fazit und abschließende Gedanken
Das narrative Interview ist ein mächtiges Werkzeug, um menschliche Erfahrungen in ihrer vollen Komplexität zu erfassen. Es erfordert von dir als Forschendem vor allem Zurückhaltung, Empathie und die Fähigkeit zum aktiven Zuhören. Wenn du die strukturierten Phasen von der Erklärungsphase bis zur Bilanzierung diszipliniert einhältst, gewinnst du hochqualitative Daten, die weit über das hinausgehen, was ein standardisierter Fragebogen leisten kann.
Übe deine Erzählaufforderung vor dem ersten echten Interview mit einem Kommilitonen. Oft merkst du erst beim lauten Aussprechen, ob eine Frage wirklich offen ist oder unbewusst doch in eine bestimmte Richtung lenkt.
Jan Neumann ist Dozent an einer Hochschule im Bereich Sozialwissenschaften. Mit einem Doktortitel in Sozialwissenschaften von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und über 8 Jahren Erfahrung in der Lehre ist er ein ausgewiesener Experte. Jan Neumann hat bereits 132 Artikel bei uns veröffentlicht und ist bekannt für seine Kompetenz in der Erstellung von Anleitungen, Beispielen und Formulierungshilfen für wissenschaftliche Arbeiten. Als akademischer Berater unterstützt er Studierende dabei, ihre wissenschaftlichen Projekte erfolgreich zu gestalten. Sein praxisorientierter Ansatz und seine fundierte Fachkenntnis machen ihn zu einem gefragten Dozenten und Berater in der akademischen Welt.
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