Der Forschungsstand fasst systematisch zusammen, was die Wissenschaft bereits zu deinem spezifischen Thema herausgefunden hat. Er bildet das theoretische Fundament deiner akademischen Arbeit und zeigt, auf welchem bestehenden Wissen du aufbaust.
In der Regel umfasst dieser Teil ein bis drei Seiten und wird direkt in der Einleitung oder im darauffolgenden ersten Hauptkapitel platziert. Für dein Exposé ist der Forschungsstand besonders wichtig. Er beweist deinem Betreuer, dass dein Thema akademisch relevant ist und du die wichtigsten Publikationen bereits kennst.
Im Folgenden erfährst du Schritt für Schritt, wie du relevante Literatur effizient suchst, deine Erkenntnisse logisch strukturierst und den Text am Ende überzeugend formulierst.
Inhaltsverzeichnis
Definition: Was ist ein Forschungsstand?
Der Hauptzweck eines Forschungsstandes ist es, den aktuellen akademischen Diskurs zu beschreiben und deine eigene Arbeit darin zu verorten. Es geht ausdrücklich nicht darum, eine reine Literaturliste abzuarbeiten oder Buchzusammenfassungen aneinanderzureihen. Du musst die Literatur analytisch betrachten und die verschiedenen Autoren miteinander ins Gespräch bringen:
- Er fasst den aktuellen Wissensstand analytisch zusammen.
- Er fokussiert sich auf die relevantesten Schlüsselwerke und ignoriert Randnotizen.
- Er deckt Gemeinsamkeiten, Widersprüche und Debatten zwischen Forschern auf.
- Er identifiziert gezielt Bereiche, die bisher kaum oder gar nicht untersucht wurden.
Wie findest du den aktuellen Forschungsstand heraus?
Der erste Schritt der Literaturrecherche beginnt niemals mit einer blinden Google-Suche. Du musst deine Forschungsfrage zunächst in klare, suchbare Kernbegriffe (Keywords) zerlegen. Um den Forschungsstand gründlich zu recherchieren, nutzt du anschließend wissenschaftliche Datenbanken wie Google Scholar, Web of Science, EBSCO oder den OPAC deiner Universitätsbibliothek.
So gehst du bei der Recherche systematisch vor:
Achte streng auf das Publikationsdatum. Konzentriere dich primär auf Studien der letzten fünf bis zehn Jahre. Ältere Quellen solltest du nur verwenden, wenn es sich um absolute Standardwerke oder die Ursprünge einer wichtigen Theorie handelt.
Wie schreibt man einen Forschungsstand?
Sobald du ausreichend Literatur gesammelt hast, beginnt der eigentliche Schreibprozess. Bevor du jedoch das erste Wort tippst, musst du deine Quellen ordnen und bewerten. Wer ohne Plan den Forschungsstand anfängt zu schreiben, verliert sich schnell in irrelevanten Details.
Erledige folgende Vorbereitungsschritte, um deinen Schreibfluss zu sichern:
- Exzerpiere die gelesenen Texte und notiere dir nur die Kernaussagen.
- Gruppiere deine Quellen nach inhaltlichen Themen, Argumenten oder verwendeten Methoden.
- Bestimme deine eigene wissenschaftliche Position im Verhältnis zur gelesenen Literatur.
Beim Schreiben ist ein roter Faden unerlässlich. Deine Leser müssen jederzeit nachvollziehen können, warum du genau diese Studie an genau dieser Stelle präsentierst. Jeder Absatz muss den Leser logisch einen Schritt näher an deine eigene Forschungsfrage heranführen.
Betrachtungsweisen
Du kannst die gesammelte Literatur auf zwei grundlegende Arten strukturieren: chronologisch oder thematisch. Der chronologische Ansatz ordnet die Studien nach ihrem Erscheinungsjahr und zeigt die historische Entwicklung eines Themas. Der thematische Ansatz bündelt die Literatur hingegen nach inhaltlichen Schwerpunkten, unabhängig davon, wann die Studien veröffentlicht wurden.
| Ansatz | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Chronologisch | Zeigt historische Entwicklungen und Paradigmenwechsel klar auf. | Wirkt oft wie eine bloße Aufzählung; inhaltliche Zusammenhänge gehen schnell verloren. |
| Thematisch | Fördert die analytische Tiefe und stellt Debatten direkt gegenüber. | Erfordert mehr Vorbereitung und ein tieferes Verständnis der Literatur. |
Für eine Bachelorarbeit oder Masterarbeit empfehlen wir dir dringend den thematischen Ansatz. Er zwingt dich dazu, analytisch zu denken und verhindert, dass du in eine reine Nacherzählung abrutschst. Zudem leitet er viel natürlicher zu deiner eigenen Fragestellung über.
Hier verdeutlichen wir den Unterschied an einem konkreten Beispiel.
Beispiel für einen chronologischen und thematischen Ansatz
Chronologisch: Du beginnst mit ersten Studien zur Telearbeit in den 1990er Jahren, gehst über zur Digitalisierung in den 2010ern und endest bei Post-Pandemie-Analysen von 2023.
Thematisch: Du gliederst das Kapitel in Unterthemen. Ein Absatz behandelt Studien zur Produktivität, der nächste Absatz bündelt Forschung zur Work-Life-Balance, und der dritte Absatz analysiert die Rolle der Führungskräfte.
Schematische Darstellung
Ein gut geschriebener Forschungsstand folgt einem klaren, trichterförmigen Aufbau. Du beginnst mit einem breiten Überblick und verengst den Fokus schrittweise, bis nur noch deine spezifische Forschungslücke übrig bleibt.
Halte dich an diese bewährte Struktur:
Die Überleitung zur eigenen Forschungsfrage ist der wichtigste Satz in diesem Kapitel. Du nutzt die identifizierte Lücke als direktes Sprungbrett, um die Relevanz deiner eigenen Arbeit zu rechtfertigen.
Mögliche Ansatzpunkte für deine eigene Forschung
Eine Forschungslücke zu identifizieren, bedeutet nicht, dass du ein Thema finden musst, über das noch nie ein Mensch nachgedacht hat. Das ist auf Bachelor- oder Master-Niveau fast unmöglich. Es geht vielmehr darum, einen neuen Blickwinkel, eine andere Methode oder einen ungetesteten Kontext für ein bestehendes Problem zu finden.
Es gibt verschiedene Arten von Lücken, an die du anknüpfen kannst:
- Inhaltliche Lücke: ein bestimmter Kontext, eine spezifische Branche oder eine besondere Zielgruppe wurde in bisherigen Studien schlichtweg ignoriert.
- Methodische Lücke: ein Phänomen wurde bisher nur qualitativ (z.B. durch Experteninterviews) untersucht, aber es fehlen großflächige quantitative Daten (z.B. durch Umfragen), um die Thesen zu belegen.
- Theoretische Lücke: ein bekanntes Problem wird in deiner Arbeit erstmals durch die Linse einer völlig neuen Theorie betrachtet.
- Zeitliche Lücke: die letzten großen Standardwerke zu deinem Thema sind veraltet. Die Erkenntnisse müssen unter aktuellen gesellschaftlichen oder technologischen Bedingungen neu geprüft werden.
Indem du dich explizit auf eine dieser Lücken beziehst, zeigst du, dass deine Arbeit einen echten wissenschaftlichen Mehrwert bietet. Du reproduzierst nicht nur Wissen, sondern erweiterst es.
Kurz & knackig
Werde bei der Definition deiner Forschungslücke so spezifisch wie möglich. Untersuche nicht pauschal "Mentale Gesundheit im Homeoffice", sondern grenze es eng ein: "Isolationsgefühle bei Berufseinsteigern im Homeoffice innerhalb der deutschen IT-Branche". Je enger die Lücke, desto leichter lässt sie sich füllen.
Formulierungshilfen für den Forschungsstand
Die richtigen akademischen Formulierungen zu finden, kann anfangs schwerfallen, doch wissenschaftliche Texte folgen oft festen sprachlichen Mustern. Nutze diese Muster, um deine Quellen elegant miteinander zu verknüpfen, anstatt sie nur aufzuzählen.
| Funktion | Nützliche Satzanfänge |
|---|---|
| Zustimmung / Konsens aufzeigen | "Übereinstimmend wird in der Literatur betont, dass..." / "Einigkeit besteht in der Forschung darüber, dass..." |
| Widerspruch / Debatte darstellen | "Während Autor A argumentiert, dass..., zeigt Autor B, dass..." / "Im Gegensatz zu bisherigen Annahmen belegt die Studie von..." |
| Forschungslücke benennen | "Bisherige Studien vernachlässigen jedoch den Aspekt der..." / "Ungeklärt bleibt bislang die Frage, wie..." |
Wie stark sich die Wortwahl auf die Qualität deines Textes auswirkt, siehst du im direkten Vergleich.
Müller (2020) schreibt über Remote-Work. Meier (2021) schreibt auch darüber und findet es gut. Schmidt (2022) hat eine Studie zu den Nachteilen gemacht.
Fehler: Dies ist eine reine, unverbundene Aufzählung ohne analytischen Mehrwert.
Während Müller (2020) und Meier (2021) primär die Effizienzsteigerung durch Remote-Work betonen, verweist Schmidt (2022) kritisch auf die damit verbundenen psychologischen Belastungen.
Richtig: Die Quellen werden direkt zueinander in Beziehung gesetzt und analytisch verglichen.
Literatur über den Forschungsstand finden
Wer für seine Abschlussarbeit viel liest, verliert ohne ein sauberes System schnell den Überblick. Nutze daher von Tag eins an eine Software zur Literaturverwaltung. Organisiere deine PDFs, markiere Zitate und verknüpfe sie direkt mit Schlagwörtern.
Eine der effizientesten Methoden der Recherche ist das Schneeballsystem. Wenn du ein hochaktuelles und absolut passendes Paper gefunden hast (dein "Schneeball"), durchforstest du dessen Literaturverzeichnis. So rollst du das Thema auf und findest automatisch die wichtigsten Grundlagentexte, auf die sich alle Experten beziehen.
Um diese Datenmengen zu bewältigen, helfen dir folgende Tools:
- Citavi: bietet eine extrem starke Wissensorganisation. Du kannst Zitate direkt im Programm kategorisieren und per Word-Add-on in deinen Text einfügen.
- Zotero: ist kostenlos, Open-Source und funktioniert nahtlos im Browser. Es extrahiert bibliografische Daten mit einem Klick aus Webseiten und PDFs.
- Mendeley: ist besonders stark in der Organisation und Kommentierung von PDFs sowie der Vernetzung mit anderen Forschern.
Achte bei der Recherche unbedingt auf die Qualität deiner Quellen. Vermeide diese typischen Fehler:
- Blindes Vertrauen in Wikipedia: Wikipedia eignet sich hervorragend für den allerersten Überblick, ist aber niemals eine zitierfähige Quelle für deinen akademischen Stand der Forschung.
- Mangelnde Qualitätssicherung: verzichte auf private Blogs, ungeprüfte Webseiten oder Artikel ohne Peer-Review. Nutze nur Quellen mit klarer wissenschaftlicher Autorschaft.
- Zu späte Dokumentation: wenn du Zitate nicht sofort mit der genauen Seitenzahl in deinem Tool speicherst, verbringst du am Ende Tage damit, die Textstellen in hunderten PDFs wiederzufinden.
Fazit und abschließende Gedanken
Der Forschungsstand ist das wissenschaftliche Fundament deiner wissenschaftlichen Arbeit, das bisherige Erkenntnisse ordnet und deine eigene Forschung legitimiert. Er beweist deinen Prüfern, dass du den akademischen Diskurs verstanden hast und mit deiner Fragestellung sinnvoll an bestehende Debatten anknüpfst.
Lass dich von der schieren Menge an verfügbarer Literatur nicht einschüchtern. Du musst nicht jedes Buch der Welt gelesen haben. Es reicht völlig aus, wenn du die wichtigsten Stimmen zu deiner spezifischen Forschungslücke kennst und diese klug miteinander ins Gespräch bringst.
Jan Neumann ist Dozent an einer Hochschule im Bereich Sozialwissenschaften. Mit einem Doktortitel in Sozialwissenschaften von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und über 8 Jahren Erfahrung in der Lehre ist er ein ausgewiesener Experte. Jan Neumann hat bereits 132 Artikel bei uns veröffentlicht und ist bekannt für seine Kompetenz in der Erstellung von Anleitungen, Beispielen und Formulierungshilfen für wissenschaftliche Arbeiten. Als akademischer Berater unterstützt er Studierende dabei, ihre wissenschaftlichen Projekte erfolgreich zu gestalten. Sein praxisorientierter Ansatz und seine fundierte Fachkenntnis machen ihn zu einem gefragten Dozenten und Berater in der akademischen Welt.
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