Was ist ein problemzentriertes Interview?

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Eine Geschäftsfrau wird interviewt.
Das problemzentrierte Interview zählt zu den qualitativen wissenschaftlichen Forschungsmethoden. Es eignet sich zur Erfassung von Erfahrungen und subjektiven Wahrnehmungen der Befragten zu einem bestimmten Problemfeld. Damit kannst du ein Thema behandeln, dass im Rahmen deiner Abschlussarbeit auftaucht. Das problemzentrierte Interview lässt sich allgemein in drei Phasen unterteilen:
  • Gesprächseröffnung 
  • Verständnisfragen und Rückfragen 
  • Ad-hoc-Fragen 
Das problemzentrierte Interview ist eine Entwicklung von Andreas Witzel. Ziel ist es, den Interviewten bei ihren Erzählungen freien Lauf zu lassen, nachdem ihnen zuerst eine offene Frage gestellt wurde. 

Das problemorientierte Interview kann auch als halbstrukturiertes Interview bezeichnet werden, weil immer wieder ein gewisses Problem beleuchtet werden soll. Deshalb hat der Interviewer auch die Möglichkeit, durch punktgenaue Fragen immer wieder darauf zurückzukommen. Dadurch ergibt sich eine Flexibilität und Offenheit bei der Fragestellung. 
 


Aufbau und Ablauf eines problemzentrierten Interviews

Es gliedert sich in die bereits aufgeführten drei Phasen, deren Aspekte nachfolgend deutlich gemacht werden sollen.  
   

Gesprächseröffnung

Am Anfang gibt es einen kurzen Einstieg in die Problemstellung, anschließend eine offene Einstiegsfrage, bzw. Erzählaufforderung. Analog zum narrativen Interview kann der Befragte den Beginn seiner Äußerungen frei wählen. 

Beispiel: Einleitung und Einstiegsfrage
„Im Rahmen meiner Abschlussarbeit beschäftige ich mich mit der fairen Bezahlung in Heilberufen. Du möchtest in Kürze eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen. Möchtest du etwas über deine Motivation für diesen Beruf erzählen?“


Sondierung

Die befragte Person hat ihre Aussagen beendet, jetzt kannst du konkrete Nachfragen stellen. Du versuchst seine subjektiven Darstellungen bezüglich der Problemstellung nachzuvollziehen und Unklarheiten zu beseitigen. Dafür stehen dir drei unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung.  


Zurückspiegelung

Als Interviewer wiederholst du mit deinen eigenen Worten die Ausführungen der Befragten, so dass sie sich inhaltlich korrigieren oder eine Ergänzung hinzufügen können. 

Beispiel: „Deine Sichtweise interpretiere ich so: XY. Ergeben sich bei dir noch zusätzliche Aussagen?“


Verständnisfragen

Selbstverständlich kannst du Verständnisfragen stellen, um Unklarheiten zu beseitigen oder die Problemzentrierung zu forcieren. 

Beispiele„Du hast gerade von einem biographischen Erlebnis gesprochen.  Wie lief das genau ab?“

„Beim Themenbereich XY ergeben sich für mich noch Fragen. Mir ist deine Problemsicht zur Kommunikationsstrategie noch nicht ganz klar. Kannst du hier noch einmal etwas konkreter werden?“


Konfrontation

In dieser Phase kannst du den Befragten unverblümt auf vermeintliche Widersprüche im Verlauf des Interviews ansprechen. Bitte ihn darum dies oder jenes noch einmal näher zu erklären. 

Beispiel: „Deine Informationen zum dem Teil XY verwirren mich. Magst du mir das noch einmal näherbringen?“
  • Beachte: Alle drei Arten der Rückfragen beinhalten die Interviewsituation. Du musst für eine angenehme Gesprächsatmosphäre sorgen und dich auch bei kritischen Rückfragen immer auf das inhaltliche Interesse beziehen.


Ad-hoc-Fragen

Diese Fragen hast du vorab bereits vorbereitet und dienen dir als zentrale Instrumente für die Untersuchung. Sie haben Bezug zur konkreten Problemstellung innerhalb des Interviews. Mithilfe der Ad-hoc-Fragen kannst du eine Vergleichbarkeit zwischen den Interviews herstellen, falls du mehrere Interviews auf der Grundlage eines identischen Themas durchgeführt hast. 

Beispiel: „Würdest du sagen, dass die Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga angemessen bezahlt werden?“ 


Auswertung

Es gibt kein einheitliches Vorgehen. Du solltest ein problemzentriertes Interview erst einmal transkribieren, anschließend kodieren und dann das Material in unterschiedliche inhaltliche Kategorien einteilen. 

Witzel empfiehlt zur Auswertung einzelne Analysen zur Durchführung eines problemzentrierten Interviews. Wenn du mehrere Interviews durchgeführt hast, dienen dir die angelegten Kategorien als Gedächtnisstütze und zur Vergleichbarkeit. 

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Beispielformulierungen für ein problemzentriertes Interview

Du möchtest ein problemzentriertes Interview zum Thema „Gesellschaftliche Einflussfaktoren auf die Berufswahl“ durchführen. Dafür benötigst du einen groben Leitfaden, denn das Verfahren des problemzentrierten Interviews gehört zu den halbstrukturierten Interviews.
 
Beispiel
  • Interviewphase/Frageart
Hallo. Ich heiße XY. 
  • Begrüßung/Einstieg
Ich möchte dich sehr gerne zum Thema „Motivation zur Berufswahl“ befragen. 
  • Einleitung der Erzählphase
Möchtest du mir erzählen, warum du den Beruf XY ausgewählt hast?
  • Nachfragen/Rückfragen (erst stellen, wenn die Erzählung beendet ist, ergibt sich oft spontan) 
Vielen Dank für deine Erzählung. Sehr interessant fand ich die Geschichte XY. Kann ich noch mehr darüber erfahren? 
Den einen Punkt in der Geschichte XY habe ich immer noch nicht richtig verstanden. Kannst du ihn mir noch einmal erklären?    
  • Ad-Hoc-Fragen
Das war alles sehr interessant, aber ich noch einige Fragen für dich vorbereitet.
  1. Welche Form der Ausbildung bevorzugst du? Lehre oder Studium?
  2. Hat der finanzielle Aspekt bei deiner Berufswahl eine Rolle gespielt?
  3. Kümmert dich die Meinung anderer Leute zu deiner Berufswahl?
  • Abschluss
Vielen Dank, dass du dir heute die Zeit genommen hast. Hast du noch Fragen?
  

Häufig gestellte Fragen

Beispielsweise der Kurzfragebogen, der die objektiven Merkmale des Befragten wie Alter, Beruf oder Bildungsgrad erfasst. Als weitere Mittel können eingesetzt werden:
  • Leitfaden
Er orientiert sich an den üblichen Regeln des „leitfadengestützten Interviews“.
  • Tonaufzeichnung
Sie ermöglicht eine exakte und authentische Wiedergabe des Gesprächs, so dass schriftliche Gedächtnisprotokolle entfallen.
  • Postskriptum
Das legst du direkt nach dem Interview an und beinhaltet die wesentlichen Gesprächsinhalte. Du kannst jederzeit andere brauchbare Gesprächsinhalte von Außenstehenden aufnehmen. Unter Umständen können auch nonverbale Handlungen oder situative Aspekte im Postskriptum festgehalten werden.
Beim problemzentrierten Interview liegt der Fokus in der Erforschung von biographischen und individuellen Erlebnissen. Ebenfalls wichtig sind individuelle Kenntnisse und unvoreingenommene Handlungen, gepaart mit subjektiven Wahrnehmungsweisen der gesellschaftlichen Realität.

Das problemzentrierte Interview bezieht seinen Charakter durch diese drei Kriterien:
  • Problemzentrierung
  • Gegenstandsorientierung
  • Prozessorientierung
Im Gegensatz zum Prinzip des „fokussierten Interviews“ unterliegt die Befragung nur einer geringen Standardisierung. Häufig gilt das problemzentrierte Interview als ein Kompromiss zwischen einer leitfadenorientierten und narrativen Gesprächsform.
Der Unterschied zwischen dem problemzentrierten Interview und dem narrativen Interview besteht darin, dass die freie Erzählung der Befragten im Vordergrund steht. Das problemzentrierte Interview bietet dir immer wieder die Möglichkeit im Gespräch zur untersuchten Problem- oder Fragestellung zurückzukehren. Im Gegensatz zum narrativen Interview sind Unterbrechungen durch die interviewende Person nicht verpönt, sogar erwünscht.