Leitfaden für ein narratives Interview

Veröffentlicht am von

Studentin interviewt ihren Freund zu Hause
Das narrative Interview gehört zu den qualitativen Forschungsmethoden. Es eignet sich sehr gut, um ein Thema mit der Hilfe autobiografischer Inhalte zu beleuchten. Es handelt sich also um ein offenes Interview, in dem die befragten Personen Informationen zu bestimmten Ereignissen aus dem eigenen Leben beschreibt.

Diese Form der Forschung kommt häufig im Zusammenhang mit historischen Ereignissen zum Einsatz – etwa im Bezug zum Zweiten Weltkrieg oder zu 9/11.


Was ist das Ziel eines narrativen Interviews?

In einem narrativen Interview geht es darum, eine freie und möglichst umfangreiche Erzählung zu kreieren. Diese dient als Grundlage dazu, die Forschungsfrage aus der Sicht des Befragten zu betrachten. Welche Aspekte genau beleuchtet werden und worauf sich der Fokus während der Erzählung richtet, wird vor allem durch die interviewte Person bestimmt. Die Erzählung lässt sich aber durch eine gezielte Einleitungsphase auf spezifische Bereiche eingrenzen.


Herausforderungen

Das narrative Interview wird als Forschungsmethode in der Durchführung oft unterschätzt. Denn es macht auf den ersten Blick den Anschein, dass man hier einfach nur ein entspanntes Gespräch führt. Aber es gibt eine Reihe von möglichen Problemen zu bedenken.

So werden vor und während des Interviews Fragen gestellt. Sind diese zum Beispiel suggestiv oder zu allgemein formuliert, kann die Antwort weniger brauchbare Daten für die Analyse liefern. Es ist auch leicht, während des Gespräches das Ziel aus den Augen zu verlieren – zum Beispiel, weil das Gegenüber eine interessante Erzählweise hat, aber weit vom Thema abschweift. Auch die persönliche Interaktion spielt hier eine Rolle. Sind sich der Interviewer und der Befragte nicht sympathisch, kann das Einfluss darauf haben, welche und wie viele Informationen preisgegeben werden. 


Die 5 Phasen des narrativen Interviews

Ein narratives Interview verläuft in mehreren Phasen. Es ist wichtig, sich auf das Interview gut vorzubereiten. Nur so erzielt man mit der Interviewführung die gewünschten Ergebnisse. 


Eröffnungsphase

Zu Beginn eines narrativen Interviews steht eine Erzählaufforderung. Diese Aufforderung sollte möglichst offen formuliert sein. Denn die Erzählung soll alle Informationen umfassen, die der Befragte von sich aus für wichtig erachtet. Soll die Befragung etwa die Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges untersuchen, könnte die Aufforderung lediglich darin bestehen, die ersten Lebensjahre zu beschreiben. 

Es ist aber auch möglich, etwas genauer einzugrenzen. Befasst sich das Thema etwa mit Krebserkrankungen, kann man darum bitten, die Zeit vom Beginn der Diagnose zu beschreiben.


Erzählphase

Wie sich die Erzählphase entfaltet, liegt ganz beim Befragten. Denn als Interviewer ist es hier das oberste Gebot, die Erzählungen auch als Stegreiferzählung benannt, nicht zu unterbrechen. Experten gehen davon aus, dass die freie Erzählung dem Erzählenden erlaubt, auf Erinnerungen und Gedanken zurückzugreifen, die im Rahmen von konkreten Fragestellungen nicht zwangsläufig zugegen wären. Die dargebotenen Inhalte dieser Phase können also in ganz unterschiedlicher Form dargelegt werden:
  • Erzählungen – der Befragte gibt detaillierte Informationen zu den erlebten Dingen und Momenten. Hier werden auch Gefühle genannt oder Sorgen und Wünsche geäußert.
  • Kommentare und Argumente – der Befragte kommentiert Erlebtes oder nennt Argumente für bzw. gegen Handlungen und dem Erlebten
  • Knappe Berichterstattung – kleine Anekdoten, die zum Thema der Erzählung passen.


Nachfragephase

Der Interviewer hört der Erzählung genau zu und macht sich Notizen. Diese sollte, wenn möglich in der Sprache des Befragten niedergeschrieben werden. Die Notizen dienen anschließend für das sogenannte erzählgenerierende Nachfragen. Dieses Nachfragen orientiert sich an der Reihenfolge, in welcher der Befragte die Stichworte genannt hat. Die Nachfragephase wird dann in zwei Teile gegliedert.

Das interne Nachfragen beginnt, sobald der Befragte angibt, dass er mit seiner Erzählung am Ende ist. Eine Aussage wie „Mehr habe ich jetzt erst mal nicht zu sagen“, ist dafür ein Indikator. Dieser Teil der Nachfrage orientiert sich an den Stichpunkten und dient vor allem dazu, nur kurz angesprochene Bereiche erneut aufzugreifen – der Interviewte soll angeregt werden, weitere Informationen im freien Erzählstil zu präsentieren. 

Danach folgt der externe Nachfrageteil. Die Forschungsinteressen wurden vor dem Interview definiert. Wurden bestimmte Bereiche dieser nicht durch den Erzähler angesprochen, soll diese Phase helfen, weitere Erzählungen anzuregen. 

Die Nachfragen sollten im Idealfall komplett auf W-Fragen verzichten. Denn diese Art der Fragen kreieren nahezu immer eine argumentative oder beschreibenden Antwort. Die einzigen Ausnahmen für W-Fragen in einem narrativen Interview sind Inhalte wie „Was ist dann passiert?“ „Wie geht die Geschichte weiter?“. Natürlich sollte auch während der Nachfragephase der Fokus darauf liegen, zuzuhören und die Informationen der Erzählung zu entnehmen.


Bilanzierung

Die Bilanzierung dient dazu, dass sich der Interviewer und die befragte Person austauschen können. Welche Eindrücke hat das Interview hinterlassen? Gibt es Anregungen für die zukünftigen Interviews? Dieses Vorgehen ist für beide Seiten gewinnbringend. Besonders wichtig ist es aber für Forscher, die ihr erstes Interview oder die ersten weniger narrativen Interviews gleitet haben. Das Feedback der Befragten ist oft sehr hilfreich, um kommende Interviews zu optimieren.


Auswertung

Für die Auswertung des Interviews wird zwischen zwei Formen unterschieden. Zum einen kann ein tatsächliches Ereignis beschrieben werden – sozusagen in der Form eines Tatsachenberichtes. Zum anderen kann es zu einer Rekonstruktion eines realen Ereignisses kommen. Bei einem narrativen Interview handelt es sich immer um eine Rekonstruktion von Ereignissen. Denn das Erlebte wird von der befragten Person subjektiv beschrieben und so nach dem eigenen Erlebten rekonstruiert.

Es ist für die Auswertung zu bedenken, dass es nicht darum geht, ein historisches Ereignis nachzuerzählen. Es steht im Mittelpunkt, wo die Unterschiede zwischen dem Erlebten und dem tatsächlichen Ereignis liegen. 


Ein narratives Interview transkribieren

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit ist das Transkribieren von narrativen Interviews nahezu immer Pflicht. Es ist möglich, diese Aufgabe an spezialisierte Agenturen abzugeben, was viel Zeit und Arbeit spart. 

Anhand der Transkription lässt sich das Interview in der Regel leichter auswerten. So besteht die Möglichkeit, es zu codieren und Inhalte in Kategorien zu unterteilen. Im Fließtext lässt sich leicht ein Verweis zum Transkript nennen.

Plagiatsbericht schnell anfragen

Für nur 16.99€ checken wir deine Arbeit gründlich auf Plagiate und senden dir gleich einen Bericht dazu.
Vielen Dank für Deine Anfrage. Wir melden uns innerhalb von 12 Stunden bei Dir zurück


Vorteile des narrativen Interviews

Ein klarer Vorteil dieser Forschungsmethode ist, dass sich neue Hypothesen erarbeiten lassen, die auf den Inhalten der Interviews bestehen. So ist man nicht daran gebunden, bestehende Hypothesen zu prüfen.

Darüber hinaus basiert die Forschung auf Praxisarbeit mit den Befragten. Vor allem während des Studiums ist es eine gute Chance, seine Fähigkeiten im praktischen Umfeld zu verbessern.
 

Häufig gestellte Fragen

Ein narratives Interview ist eine qualitative Forschungsmethode, die darauf abzielt, Informationen relevant zu einem Forschungsziel in der Form der freien Erzählung zu erhalten.
Ein narratives Interview ist in fünf Phasen unterteilt:
  1. Eröffnungsphase – Befragten zum Gespräch anregen
  2. Erzählphase – der Erzählung bis zum Ende zuhören
  3. Nachfragephase – mögliche Lücken durch Nachfragen füllen
  4. Bilanzierung – gegenseitiges Feedback
  5. Auswertung – Inhalt mit Blick auf Forschungsinteressen analysieren
Die Forschung sollte darauf abzielen, herauszufinden, welche Unterschiede es zwischen der Erzählung der befragten Person und dem tatsächlichen Sachbestand gibt. Daraus lassen sich dann forschungsrelevante Hypothesen ableiten oder bestätigen bzw. belegen.